(aus: Diplomarbeit von Chr. Grünert,
"Tauschringe – eine effiziente Alternative zum klassischen
Markt?" 1999)
Die Tauschringidee ist keineswegs erst eine
Erfindung der 80er Jahre. Erste frühsozialistische Experimente kamen
bereits im Zuge der europäischen Indrustriealisierung im frühen 19.
Jahrhundert auf. Im folgenden werden einige dieser frühen Ansätze
exemplarisch vorgestellt.
Arbeitsbörsen nach Robert Owen
In den 20er und 30er Jahren des 19.
Jahrhunderts war es Robert Owen (1771 - 1858), der die englische
Konsumgenossenschaftsbewegung begründete. Schon als junger Mann
beobachtete er die sozialen Probleme, die sich mit zunehmender
Industrialisierung einstellten: beengte Wohnverhältnisse, unzureichende
Versorgung mit Lebensmitteln, schlechte sanitäre Anlagen, mangelnde ärztliche
Versorgung etc. Owen, der selbst Inhaber einer Baumwollspinnerei
in Schottland war, entwickelte aus seinem Betrieb eine Musteranlage, mit
für seine Zeit vorbildlichen Strukturen sozialer Sicherung. Zentral bei
Owen ist jedoch seine rudimentär entwickelte Arbeitswerttheorie,
die sich an die Schriften von David Ricardo anlehnt. Der Wert
aller Waren berechnet sich nach Owen allein durch die für ihre
Herstellung notwendige Arbeit, folglich haben die Produzenten ein
Anrecht auf den vollen Ertrag ihrer Arbeit. Owen faßt den
"Defekt" im kapitalistischen Wirtschaftssystem als ein
Wertproblem auf, das darin begründet sei, daß nicht das natürliche
Wertmaß, die menschliche Arbeit, als Berechnungsgrundlage aller
wirtschaftlichen Transaktionen diene, sondern ein künstliches und
fiktives Maß, das Geld. Daraus resultiere ein Verteilungsproblem, das
dadurch entstünde, daß "Kapitalisten" und andere "Müßiggänger"
unter Berufung auf Eigentumstitel Gewinne einbehielten und den Arbeitern
als den eigentlichen Produzenten den vollen Arbeitsertrag vorenthielten.
Zur Lösung dieses Wert- und Verteilungsproblems schlägt Owen
die Schaffung eines nicht-monetären Austausch- und Versorgungssystems
vor, einen Markt, auf dem alle Produkte zu ihrem durchschnittlichen
Arbeitswert, d.h. zu ihrem Selbstkostenpreis, ausgetauscht würden.
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Die erste "Arbeitsbörse" eröffnete
Owen 1832 in London. Die Arbeitsbörse war ein Markt, auf dem die
Arbeiter in ihrer Doppelrolle als Konsumenten und Produzenten ihre Waren
tauschten. Vergütet wurde mit "Labour notes"
(Arbeitsscheinen), die dem Wert des Rohmaterials und der
durchschnittlichen, zur Herstellung der Produkte erforderlichen
Arbeitszeit entsprachen. Im Gegenzug konnte der Arbeiter seinen Bedarf
aus dem Warenlager der Börse mit diesen Scheinen decken. Bereits 1833
traten Zahlungsschwierigkeiten innerhalb des Systems auf, welche schließlich
zum Zusammenbruch des Systems im folgenden Jahr führten. Als zentrale
Gründe für den Zusammenbruch gelten neben organisatorischen Mängeln
vor allem, daß sich zum einen Angebot und Nachfrage in Hinblick auf Art
und Qualität der Güter nur schwer zur Deckung bringen ließen, und zum
anderen die Bewertung der Waren schwierig, umständlich und keineswegs
so gerecht war, wie Owen sich das gedacht hatte.
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Es dauerte noch einige Jahre, bis sich die
ersten erfolgreichen und dauerhaften Genossenschaften (insbesondere
Konsumgenossenschaften) bildeten. 1844 entstand in Rochdale/England der
Konsumverein "Redliche Pioniere", 1845 in Chemnitz die
Konsumgenossenschaft "Ermunterung". 1847 gründete
Friedrich Wilhelm Raiffeisen Wohltätigkeitsvereine, die als Vorläufer
der auf reiner Selbsthilfe aufbauenden ländlichen Genossenschaften
gelten. 1849 etablierte Hermann Schulze-Delitzsch die erste
gewerbliche Genossenschaft (Rohstoffassoziation) für Tischler und
Schuhmacher.
Tauschbanken nach Pierre Joseph Proudhon
Als weiterer Wegbereiter der LETS-Idee gilt
Pierre Joseph Proudhon, der oft nur mit seiner bekanntesten Polemik
"Eigentum ist Diebstahl" zitiert wird. Weniger bekannt sind
seine praktischen Ideen zur Reformierung des Geld- und Kreditsystems:
Geld und Zins sind seiner Auffassung nach zu beseitigen; der
Kreditverkehr soll auf der Basis von Gegenseitigkeit ("mutualité")
und Tausch neu organisiert werden. 1848 startete Proudhon seine
Volksbank ("banque du peuple") innerhalb welcher sogenannte
"Tauschbons" ("bons d`échange") die Rolle des
Geldes als Tauschmedium übernehmen sollte. Diese "Tauschbons"
sollten nur gegen Sicht von sogenannten "realisierten Werten",
also von tatsächlich an die Bank gelieferten Waren und Dienstleistungen
an die Mitglieder der Volksbankgemeinschaft abgegeben werden.
Proudhon ließ bei seinen Überlegungen zur Volksbank jedoch eine
zentrale Frage offen, nämlich die nach einer gerechten Bemessung der
Werte für Güter und Dienstleistungen.
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Anfang 1849 wurde die Volksbank in
Paris und einigen Provinzen Frankreichs eröffnet. Die Resonanz unter
den selbständigen Handwerksmeistern sowie den Arbeitern war außerordentlich
hoch. Bevor die Bank jedoch ihren Geschäftsverkehr aufnehmen konnte, mußte
sie aufgelöst werden, da Proudhon aufgrund von Kritik an Kaiser
Napoleon III zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.
Auch wenn keine praktischen Erfahrungen mit der Volksbank vorliegen, muß
erheblicher Zweifel an der Funktionsfähigkeit der Bank geäußert
werden, da sie sich in wesentlichen Details nicht von den Banken im herkömmlichen
Markt unterschied, sondern ihr Hauptaugenmerk auf das
"Wundermittel" des zinslosen Kredites legte.
Freiwirtschaftslehre nach Silvio Gesell
Eine neue Richtung der Geldtheorie, die
"Freiwirtschaftslehre", entwickelte der deutsch-argentinische
Kaufmann Silvio Gesell (1862 - 1930). Der Geldkreislauf solle
seiner Ansicht nach wieder "gesunden". Der natürliche
Vorsprung des Geldes gegenüber den Gütern müsse eliminiert werden.
Dieser natürliche Vorsprung bestehe darin, daß Geld nicht
"verderben" könne, sondern dauerhaft und damit "hortbar"
sei. Durch den Einbau einer Wertverfallsmechanik in das Geldsystem werde
dieser "Defekt" abgebaut:
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"Das Geld soll also, wenn es den Waren
gegenüber keine Vorrechte haben darf, wie die Waren verrosten,
verschimmeln, verfaulen; es soll zerfressen werden, erkranken,
davonlaufen, und wenn es verendet, soll der Besitzer noch den Lohn des
Abdeckers bezahlen."
Dieses, durch seine Eigenschaft des ständigen
Wertverfalls gekennzeichnete neu zu schaffende Geld, das für seinen
Besitzer als Objekt des "Hortens" uninteressant sei, nennt
Gesell "Freigeld". Dieses Freigeld solle das herkömmliche
Münz- und Papiergeld vollständig in seiner Funktion als Zahlungsmittel
ersetzen. Kennzeichen dieses neuen Geldes solle sein, daß es wöchentlich
ein Promille an Kaufkraft verliere (jährlich 5,2 %). Durch Aufkleben
von Wertmarken (die natürlich gekauft werden müßten) durch den
jeweiligen Besitzer solle der Schwund des Geldes ausgeglichen werden und
verhindert werden, daß das Geld gänzlich unbrauchbar werde. Der
erhoffte Effekt dieser Maßnahme solle eine Erhöhung der
Umlaufgeschwindigkeit sein. Nach Gesell gerate das Geld auf diese
Weise unter einen Umlaufzwang, und ein "Währungsamt" könne
den Geldkreislauf allein mit geldpolitischen Maßnahmen beeinflussen,
also die wirtschaftlichen Abläufe nach den Grundsätzen der klassischen
Quantitätstheorie nach Irving Fisher steuern. Auch entwickelt
Gesell Kriterien für die Leistungsfähigkeit seiner neuen Währung:
Es solle ihr gelingen, eine Sicherung (Beseitigung von Wirtschaftskrisen
und Arbeitslosigkeit), Beschleunigung (gefüllte Vorratsräume bei den
Verbrauchern) und Verbilligung (keine großen Gewinnspannen im Handel)
des Warenaustausches zu gewährleisten.
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Anfang der dreißiger Jahre hat es in Europa
einige Versuche gegeben, zinsfreies Geld nach der Freigeldtheorie
Silvio Gesell`s einzuführen. Ursache hierfür war die
Weltwirtschaftskrise, die Ende der zwanziger Jahre insbesondere
marktwirtschaftlich orientierte Industrieländer in eine schwere
Rezession stürzte. Mit Hilfe der Freigeldexperimente sollte versucht
werden, die Wirtschaft wieder auf Dauer zu stabilisieren. Als erstes
Experiment dieser Art gilt das der "Wära-Tauschgesellschaft"
in Erfurt im Jahr 1929, das insbesondere der Ortschaft Schwanenkirchen
im Bayerischen Wald zu kurzfristig höherem Wohlstand innerhalb einer
wirtschaftlich schwierigen Zeit verhalf. Obwohl dieses Experiment
positive Effekte auf die lokale Wirtschaft hatte, wurde es auf Betreiben
der Deutschen Reichsbank im Rahmen der "Brüningschen
Notverordnungen" durch den Reichsfinanzminister im Oktober 1931 als
Notgeld verboten.
Weit mehr Aufsehen als die Erfolge von
Schwanenkirchen mit der Wära-Tauschgesellschaft erregte in Öffentlichkeit
und Wissenschaft das Freigeldexperiment von Wörgl. Da dieses Experiment
bereits auffallende Parallelen hinsichtlich der Organisationsstruktur
der modernen LETS aufweist sowie grundsätzliche Kritik zuläßt, soll
es hier etwas ausführlicher dargestellt werden.
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Aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen
Lage der Tiroler Gemeinde Wörgl führte der damalige Bürgermeister
Michael Unterguggenberger im Juli 1932 einen Beschluß des
Gemeinderates herbei, ein Notgeld in Form von Arbeitsbestätigungsscheinen
zu emittieren. Dieses Notgeld unterlag, entsprechend der Gesell´schen
Theorie, einer laufenden Entwertung, um einen permanenten Umlauf (Erhöhung
der Umlaufgeschwindigkeit) zu gewährleisten. Insgesamt ließ die
Gemeinde Papiernoten im Werte von 32 000 Schilling drucken, die durch
eine entsprechende Einlage bei der örtlichen Raiffeisenkasse gedeckt
wurden. Diese Noten entwerteten sich monatlich um ein Prozent ihres
Nennwertes. Durch das Aufkleben einer Marke in Höhe des Schwundes am
Monatsende durch den jeweiligen Besitzer konnte der Schwund ausgeglichen
werden. In Umlauf wurde das Geld dadurch gebracht, daß die Gemeinde
denjenigen Arbeitern und Angestellten der Gemeinde, die sich mit der
Zahlung in Notgeld konform gezeigt haben, zunächst 50 % , später sogar
75 % der Löhne und Gehälter in Notgeld ausgezahlt wurden. Das Notgeld
war in Schillinge konvertierbar, d.h. es konnte nach einer Entrichtung
der Umtauschgebühr von zwei Prozent des Nominalbetrages in normale
Schillinge umgetauscht werden. Insgesamt lief der Schwundgeldversuch 14
Monate und es nahmen ca. 6000 Menschen aus Wörgl und den umliegenden
Gemeinden daran teil.
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Eigentlicher "Gewinner" der
Notaktion war die Gemeinde. Sie konnte durch den Verkauf der Wertmarken
und durch Umtauschgebühren zusätzliche Einnahmen realisieren sowie
einen Ausgleich bestehender Steuerrückstände in Schwundgeld
verzeichnen, da es für Bürger und Einzelhändler am Monatsende
rational war, mit dem Schwundgeld ihre Gemeindesteuern zu bezahlen. In
allen Wörgler Geschäften konnte mit dem Notgeld bezahlt werden, so daß
die Bevölkerung ihre Lebenshaltung darüber bestreiten konnte. Überregionale
Anbieter wie Post und Bahn sowie Bundessteuern konnten dagegen mit der
regionalen Währung nicht bezahlt werden. Der Gemeinde gelang es, mit
den in die Gemeindekasse eingegangenen Geldern sowie unter Zuhilfenahme
von Landeszuschüssen anstehende Investitionen u.a. im Straßenbau und für
den Fremdenverkehr zu tätigen und auf diese Weise einen Teil der
Arbeitslosen zu beschäftigen. In der Bevölkerung wurde das Experiment
überwiegend wohlwollend aufgenommen, da es für sie zu keinen negativen
Effekten kam, sondern vielmehr die Arbeitslosigkeit innerhalb der
Gemeinde im Zeitraum von August 1932 bis August 1933 um 25 Prozent
gesenkt werden konnte, während sie im übrigen Österreich um 10
Prozent anstieg. Für die Wörgler Einzelhändler gilt dies allerdings
nur eingeschränkt. Sie profitierten zwar einerseits von einer gewissen,
mit der Ausgabe des Notgeldes verbundenen Umsatzsteigerung, andererseits
akzeptierten die über größere Marktmacht verfügenden Großhändler,
von denen sie ihre Waren bezogen, das Schwundgeld nur sehr begrenzt. Zu
dieser Ineffizienz kamen nicht nur Unstimmigkeiten innerhalb der
sozialdemokratischen Partei Tirols wegen dieses Experiments, sondern es
war insbesondere die Österreichische Nationalbank, die in der
Emittierung des Wörgler Schwundgeldes eine Verletzung ihres
Notenprivilegs sah und zu recht fürchtete, daß das Experiment
Nachahmer finden würde. Per Gerichtsbeschluß untersagte die Bank
schließlich der Wörgler Gemeinde im September 1933 den
Schwundgeldverkehr. Der Erfolg dieses Experiments blieb fraglich: Die
hohen Steuereingänge bei der Gemeinde waren eher auf die beschränkte
Verwendungsmöglichkeit und die hohen Umtauschgebühren des Notgeldes
zurückzuführen. Andererseits konnten auf diese Weise erhebliche
Steuerrückstände eingetrieben werden. Zudem ergab sich bei der
Festsetzung des "Schwundes" ein Optimierungsproblem: Ein hoher
Schwund erhöhte zwar die Umlaufgeschwindigkeit, stieß aber auf
Akzeptanzprobleme bei der Bevölkerung; ein niedriger Schwund dagegen hätte
kaum negative Anreize gegeben, das wirtschaftliche Verhalten zu ändern
und ein Horten des Geldes zu vermeiden.
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Neuere Entwicklungen von LETS
Als erstes LETS-Projekt der Neuzeit gilt das
von Michael Linton, das dieser 1979 auf der Insel
Vancouver-Island an der kanadischen Westküste initiiert hat. Neben
einigen anderen Orten in der Region wurde es insbesondere in der
Kleinstadt Courtenay in Comox Valley (ca. 50.000 Einwohner) im
Bundesstaat British Columbia implementiert. Neben der Insellage - Inseln
haben sich oftmals bereits als fruchtbare Böden für informelle
Innovationen erwiesen - war insgesamt die angespannte wirtschaftliche
Lage bzw. die sich relativ unerwartet und schnell einsetzende Depression
ein "Akzelerator" für die Entwicklung dieses LETS. Als
Verrechnungseinheit wurde der "Green Dollar" eingeführt, der
eng in das System der Marktpreise integriert wurde.
Über die weitere Entwicklung von LETS gibt
es eine Vielzahl von Quellen, die allerdings oftmals auf Spekulation
beruhen und sich wiedersprechen. Verläßliche Daten stehen nur wenig
zur Verfügung. Von daher wird die folgende Entwicklung nur schemenhaft
bzw. approximativ nachgezeichnet.
In 1988 kamen die Aktivitäten in
Comox Valley aufgrund des fehlenden Vertrauens der Mitglieder in das
System zum Erliegen. Die Idee an sich verbreitete sich jedoch zur selben
Zeit vor allem in Australien, Neuseeland und Großbritannien. Dort
entstanden LETS, die teilweise bis zu 2000 Mitglieder zählen. Seit 1993
entstehen auch in der übrigen Welt LETS aller Art. In Deutschland gilt
der "dömak"-Tauschring Halle, initiiert durch Pfarrer
Helmut Becker als der erste seiner Art. Während Anfang 1995 gerade
einmal ungefähr zehn Tauschringinitiativen in der Bundesrepublik
Deutschland gezählt wurden, sind es Anfang 1999 bereits über 200.
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2.3 Anreize und
Motive für LETS
Es existieren eine Vielzahl von Motivationen
und Anreizmechanismen, um entweder ein LETS zu initiieren oder in einem
bereits bestehenden Mitglied zu werden. Im folgenden wird versucht,
diese zu systematisieren und mit auf Deutschland bezogenen statistischen
Daten zu belegen. Zunächst werden individuelle Motive und Anreize
vorgestellt und im Anschluß kollektive Beweggründe veranschaulicht.
Staatliche bzw. kommunale Motiv- und Anreizstrukturen spielen ebenso
eine Rolle wie ideologische Konzeptionen.
Individuelle Motive
Auf der individuellen Ebene und der Ebene
des einzelnen Haushaltes reduziert LETS die Abhängigkeit von
nationalstaatlichem Geld. Aufgrund relativ hoher persistenter
Arbeitslosigkeit in Deutschland vermindert sich die für konsumtive
Zwecke verfügbare Geldmenge in einigen Bevölkerungsschichten. Die Zahl
der Sozialhilfeempfänger steigt seit Jahren rasch an. Es kommt zu prekären
Einkommenssituationen gerade für diese Bevölkerungsschicht. Das
monatliche Einkommen ist zumeist nur für elementare Grundbedürfnisse
(Wohnung, Essen etc.) ausreichend. Insbesondere für Alleinerziehende
mit einem oder mehreren Kindern, die knapp ein Viertel aller Bedarfsfälle
in der Sozialhilfe ausmachen, oder für ältere, oft hochqualifizierte längerfristig
arbeitslose Arbeitnehmer können sich positive Effekte durch LETS
ergeben. LETS wird quasi zum arbeitsmarktlichen Experimentierfeld, wobei
entweder bereits vorhandene Qualifikationen eingesetzt werden oder die Möglichkeit
zum Erlernen neuer Fähigkeiten gegeben ist. In diesen Fällen ist n
Versagen des Arbeitsmarktes zu konstatieren, da aufgrund starrer
Arbeitsmuster ("inflexibility in working patterns") die
Arbeitsbedürfnisse der Individuen nur unzureichend berücksichtigt
werden. Im Rahmen von LETS ist dagegen "perfect flexibility"
gegeben, weil jedes Individuum den Grad seiner Beschäftigung frei wählen
kann.
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Aber auch Haushalte, die über ein
regelmäßiges mittleres Einkommen verfügen, können sich mit
bestimmten Gütern und Dienstleistungen über den klassischen Markt
nicht mehr versorgen, da bestimmte Angebote nicht oder nur zu extrem
hohen Marktpreisen angeboten werden. Tendenziell entsteht also eine
wachsende Geldabhängigkeit von Wohlfahrt. Aufgrund der Tatsache, daß
einige ökonomische Bereiche an einer Knappheit des Tauschmediums, nämlich
Geld, leiden, kann man hier ein Versagen des Geldmarktes konstatieren.
Sowohl Angebot als auch Nachfrage sind potentiell vorhanden, da jedoch
einige Marktnachfrager nicht über das Austauschmedium Geld verfügen,
kommen Transaktionen nicht zustande ("failure of effective demand").
LETS verhindert diesen Mechanismus, indem es lokales Geld als
Verrechnungseinheit für Transaktionen zur Verfügung stellt. Zentraler
Vorteil dieses Geldes ist, daß die Akteure es innerhalb bestimmter
Grenzen ausgeben können, bevor sie es eigentlich verdient haben, was in
der Folge direkt Ausgaben anderer Akteure animiert. Gegenüber
konventionellen Krediten ergeben sich dabei zwei zentrale Vorteile. Zum
einen steigen die Verbindlichkeiten nicht automatisch im Zeitablauf über
den Zinsmechanismus an, da keine Zinsen erhoben werden, und zum anderen
bietet das System die grundsätzliche Möglichkeit einer unlimitierten
Kreditvergabe unter der Prämisse, daß die Kreditnehmer zukünftig adäquate
marktfähige Leistungen innerhalb von LETS anbieten werden. Aufgrund der
Selbstverwaltung der Mitglieder und der Kleinräumigkeit eines LETS wird
es schließlich zu vergleichsweise niedrigen Kontroll- und
Verwaltungskosten der Kreditvergabe im Vergleich zu konventionellen
Systemen kommen.
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Diametral zum Geld verhält es sich
mit der für die Wohlfahrtsproduktion zur Verfügung stehenden Zeit. Während
Geld in den Haushalten knapp ist, steigt in zunehmendem Maße die Verfügbarkeit
institutionell ungebundener Zeit. Angesprochen werden hier u.a.
Reduzierungen in der industriellen Wochenarbeitszeit (35 Stunden Woche),
Zunahme kurzzeitiger Beschäftigungsverhältnisse ("630,-- DM
Jobs") und eben wieder Arbeitslosigkeit. Damit kommt der Trend
sinkender direkter Einsatzmöglichkeiten von Zeit zum Zwecke der
Wohlfahrtsproduktion zum Ausdruck.
LETS kann das Individuum im Rahmen der
"Hilfe zur Selbsthilfe" befähigen, bislang brachliegende
individuelle Ressourcen im Tauschring anzubieten, also
wohlfahrtsproduktiv tätig zu werden, und im Gegenzug individuelle Bedürfnisse
über den Tauschring zu befriedigen. LETS ermöglicht dem Individuum
schließlich auch solche Bedürfnisse zu befriedigen, die es auf dem
klassischen Markt mit nationalstaatlichem Geld nicht oder nur zu hohen
Marktpreisen hätte befriedigen können. LETS stellt damit für den
einzelnen Haushalt ein ergänzendes Versorgungssystem dar. Damit das
Individuum ein Angebot entwickeln kann, benötigt es Kreativität zur
Produktfindung. LETS fördert also Einfallsreichtum und Schöpfungskraft
der Teilnehmer, was einer Stärkung der individuellen potentiellen Möglichkeiten
gleichkommt. Schließlich bleibt es nicht ausgeschlossen, daß ein
Angebot, welches innerhalb von LETS starken Absatz findet, auch außerhalb,
auf dem klassischen Markt angeboten wird und somit eine neue
individuelle Existenzgrundlage geschaffen werden kann. LETS ist damit
ein Kommunikationsinstrument, das dem Kontaktaufbau und der
Kontaktpflege dient. Zusätzlich werden bestimmte Dienstleistungen, die
bisher im Rahmen der klassischen Haushaltsführung nicht oder nur äußerst
gering entlohnt wurden, innerhalb von LETS auch monetär bewertet und
statistisch erfaßt.
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Kollektive Motive
Ebenso wie für das Individuum ergeben sich
für das Tauschring-Kollektiv, also für die Gesamtheit der Mitglieder
eines Tauschringes, Anreize, die als Motivation für den Erhalt des
Tauschringes wirken können. So fördert LETS regionale kleinräumige
Strukturen, also das jeweils individuelle Wohn- und Lebensumfeld
dadurch, daß das regionale eigene Leistungsangebot verstärkt genutzt
wird, und Leistungen, die bisher von außerhalb anonym bezogen wurden,
zurückgedrängt werden. Insbesondere in strukturschwachen Gebieten mit
geringer industrieller Produktion kann sich LETS vorteilhaft auf die
Wiederbelebung der lokalen Ökonomie auswirken.
Zudem ist es innerhalb von LETS möglich,
die Kooperation der Individuen untereinander zu fördern, da sie sich
mit dem Ziel zusammenschließen, Güter und Dienste bargeldlos
auszutauschen, um dadurch ihre individuelle Versorgungslage zu
verbessern. Es kann zu einem Gruppengefühl kommen, das die kollektive
Situation langfristig stärkt und mit dem eine Persistenz auf einem
hohen Versorgungsniveau erreicht wird.
Ein zusätzlicher Anreiz für eine
Tauschringinitiierung sind ökologische Effekte und
Begleiterscheinungen, insbesondere Internalisierungstendenzen externer
Effekte. So besteht die Möglichkeit innerhalb des Ringes einige
vorhandene Güter kollektiv und damit effizienter zu nutzen. Daneben
kann es effizient werden, Güter des täglichen Lebens reparieren zu
lassen anstatt sie durch neue zu ersetzen. Ein weiterer eventuell ökologisch
wirksamer Aspekt ist Tauschen statt Kaufen, wenn ein Gegenstand, der im
Haushalt nicht mehr benötigt wird, einfach gegen einen anderen Bedarf
über die Verrechnungswährung eingetauscht wird. Es können sich auch
über wegfallende bzw. kurze Transportwege negative externe Effekte
vermeiden lassen.
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Staatliche bzw. kommunale Interessen
Neben den Individuen und dem
Tauschring-Kollektiv können sowohl Staat als auch Kommune Interesse an
einem funktionierenden LETS haben. Zunächst wird dies am Beispiel der
Sozialleistungen deutlich, da üblicherweise innerhalb eines
Tauschringes Angebote der Gesundheitsförderung existieren. Dazu gehören
z.B. Massagen, Ernährungsberatung, Akupunktur, Yogaunterricht, homöopathische
und therapeutische Behandlung. Die Kosten solcher Angebote, die außerhalb
von LETS relativ hoch sind, übernehmen die Krankenkassen im Regelfall
nicht. Auch von der Schulmedizin wird diesen Behandlungsarten aber eine
gewisse Gesundheitsvorsorge beigemessen. So ist es im Interesse von
Gesundheitspolitik, wenn Kosten für die Sozialversicherungsträger im
Rahmen von LETS vermieden werden.
Im weiteren kann die Kommune daran
interessiert sein, im Rahmen von LETS die Kosten für Leistungen der
Sozialhilfe sukzessive abzubauen und kommunale Beschäftigungsmöglichkeiten
vor allem im Niedriglohnbereich über LETS zu entlohnen. Voraussetzung
dafür ist allerdings, daß auch die Kommune bereit ist, Steuern, Gebühren
und andere Abgaben wenigstens zum Teil in Verrechnungseinheiten zu
akzeptieren. LETS bietet darüber hinaus die Möglichkeit individueller
"Talente"-Erprobung auf regionaler Ebene und kann eine
langfristige Beschäftigungsalternative auch außerhalb von LETS auf
klassischen Märkten in Zusammenarbeit mit Kommunen und Unternehmen ermöglichen.
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Schließlich bietet LETS die Möglichkeit,
Auswirkungen regionaler Arbeitslosigkeit entsprechend abzufedern.
Regionale Arbeitslosigkeit führt in der Regel zu einer Abwanderung von
qualifiziertem Humankapital, was sich in einer zusätzlichen Schwächung
der Region auswirkt. LETS ist dagegen bei entsprechender
institutioneller Ausgestaltung zumindest ansatzweise in der Lage, Lösungsansätze
für lokale Arbeitsmarktprobleme dieser Art zu bieten.
Ideologische Anreize und Motive
Oftmals werden für die
Institutionalisierung eines LETS ideologische Motive genannt. Zentral
ist dabei die Zins- und Wachstumskritik innerhalb einer Marktwirtschaft.
Creutz formuliert zwei grundlegende Wachstumsregeln: 1. Für jedes
natürliche und gesunde Wachstum gebe es immer eine optimale Grenze. Nur
krankhafte Wachstumsprozesse, wie z.B. bei Tumoren, mißachteten diese
Regel und zerstörten dabei sich selbst und den Organismus, in dem sie
angesiedelt sind. 2. Organismen blieben nur stabil, wenn sich alle ihre
Teile mit ihrer Entwicklung am Ganzen orientierten. Das bedeute, daß
bei einem Baum die Wurzeln, der Stamm und die Krone im Gleichschritt
miteinander wachsen müßten. Andernfalls müsse der Baum zugrunde
gehen. Creutz sieht in der alten Bundesrepublik mit ihrem System
der Sozialen Marktwirtschaft diese Wachstumsregeln als verletzt an. Er
argumentiert, daß das reale BSP von 1950 bis 1995 um etwa den
sechsfachen Wert angestiegen sei, während die Geldvermögen im gleichen
Zeitraum ein ca. 23-faches Wachstum verzeichneten. Er folgert aus dieser
asymmetrischen Entwicklung gravierende Folgen für den sozialen und ökologischen
Bereich und fordert eine Korrektur der Fehlstrukturen innerhalb der
deutschen Geldordnung. Einem LETS sind nach Creutz diese
negativen Wachstumsstrukturen nicht immanent. Sie werden deshalb
insbesondere von Anhängern der Gesell´schen Freiwirtschaftslehre gerne
als "Vorzeigeökonomien" und Lösungsmodell bezeichnet, obwohl
diese Sicht, wie selbst Creutz betont, naiv ist:
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"Selbst wenn ein solches Modell
mit ein paar tausend oder zehntausend Menschen zustande kommt, ist es
zur Veränderung der geldbezogenen Strukturprobleme ähnlich wirkungslos
wie der Versuch, durch Stumpfmachen aller Haushaltsmesser die Überrüstung
abzubauen".
Weitere Argumente für eine zinsfreie
Wirtschaft, die in den Statuten vieler LETS auftauchen, seien hier kurz
vorgestellt: 1. Geldknappheit würde in einer zinsfreien Wirtschaft
vermieden, da alle Wirtschaftssubjekte ihr Geld aufgrund fehlender
Sparzinsen und Auferlegung einer Nutzungsgebühr bei Hortung rechtzeitig
ausgäben. Durch die damit verbundene Erhöhung der
Umlaufgeschwindigkeit der Währung würde die Nachfrage nach Gütern und
Diensten wachsen und die Arbeitslosigkeit abnehmen. 2. Wenn der Zins als
Belohnung für die Geldbesitzer entfiele, würde das Problem der
ungerechten Vermögensverteilung ohne sozialstaatliche
Umverteilungspraktiken gelöst und der ständige Geldzufluß von
Arbeitenden zu Besitzenden, von Arm zu Reich unterbunden.
Trotz dieser naiven Vorstellung von
Wirtschaft wird in vielen, vor allem in einigen deutschsprachigen
freiwirtschaftlich orientierten Tauschringen die eigene Existenz mit
derartigen Argumenten ideologisch gerechtfertigt.
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